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Donnerstag, 05 Juli 2018 23:40

WriteUp! Die Gewinner-Kurzgeschichte

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Und nun – ihr habt voller Ungeduld darauf gewartet – erfährt die Welt endlich, wer das große, das großartige, das grandiose erste Soldurii WriteUp! in der Hauptkategorie gewonnen hat! Jubel!

Mit einer spannenden, überraschenden und unserer Meinung nach sehr kreativen Kurzgeschichte ist der Gewinner der ersten Runde Tyärk!

Volle fünf Sterne haben wir für das Konzept der Geschichte vergeben, Spannungsbogen, Wahl der Charaktere und Komposition der Szenen haben uns einfach überzeugt. Auch für den Stil gab es volle Sternchenzahl, der Text liest sich flüssig, Stilmittel wurden bewusst und passgenau eingesetzt. Nur die Form muss sich mit vier Sternen begnügen, da wir doch den einen oder anderen Fehler gefunden haben. (Für diesen Blogpost habe ich mir gestattet, mit zarter Hand Komma- und Rechtschreibfehler nach bestem Wissen und Gewissen zu korrigieren – und nur die.)
In der Gesamtwertung stehen unterm Strich also satte fünf Sterne – Chapeau! Dein Gewinnergold gibt’s bei nächster Gelegenheit von Andra.Falkenstein oder mir in die Pfote gedrückt. Über Spielzeit mit der kleinen Bestie muss allerdings separat verhandelt werden ;)

Und jetzt, leset, meine getreulichen Recken des Federkiels!

 

Isolation (von Tyärk Schettler)

Vor und zurück. Schaukeln war schon immer eine gute Fluchtmöglichkeit gewesen. Man konnte mit seinem besten Freund zusammen mitten in der Nacht auf dem Spielplatz sitzen, über alles reden, die Beine baumeln lassen und sich einfach nur dem Gefühl des Fliegens hingeben. Heute schaukelte er aber alleine. Warum auch nicht? Keiner hatte Zeit und niemand verstand ihn gerade. Zumindest fühlte es sich so an. Aber es fühlte sich nicht richtig an, alleine auf einer der zwei Schaukeln zu sitzen. Dabei war es die perfekte Nacht. Sternenklarer Himmel, eine leichte Sommerbrise brachte endlich etwas Bewegung in die Luft und er hatte sogar noch eine ungeöffnete Cola, die er schon vergessen hatte, im Kühlschrank gefunden. Er hatte sich seine Kopfhörer geschnappt und nun dudelte ein Chillstep-Remix eines seiner Lieblingslieder aus einer bekannten Videospielereihe in seinen Ohren. Doch all dies half nichts. Sein bester Freund fehlte und das schon lange.

Vor und zurück. Die zweite Schaukel kam langsam in Bewegung und gewann schnell an Höhe. Auch wenn die Schaukel für das bloße Auge leer war, wusste er, dass der andere wieder da war. „Was willst du?“, fragte der einsame Schaukler genervt und nahm einen Schluck von seiner Cola.
„Hey, nicht gleich so angepisst sein“, kam es aus Richtung der leeren Schaukel zurück, „ich will dir doch nur Gesellschaft leisten.“ Die Stimme war abstoßend kratzig und einfühlsam weich zugleich.
„Auf deine Gesellschaft kann ich gut verzichten.“
„Woah, voll die schlechten Vibes! Entspann dich mal.“
„Warum sollte ich mich entspannen, wenn du da bist?“ Wütend drehte er sich in die Richtung der leeren Schaukel. Sie schwang gleichmäßig vor und zurück.
„Weil ich der einzige bin, der dir noch Gesellschaft leistet?“ Die Antwort traf tief.
„Und wer ist schuld daran?“ Ein verzweifelter Versuch der Schuldzuweisung, aber er war vergeblich.
„Wer hat mich direkt nach Macht gefragt, ohne dass ich überhaupt ein Angebot gemacht habe? Das könnte jetzt die ganze Zeit wie die Schaukel vor und zurück gehen. Das ergibt aber keinen Sinn. Ich bin nur hier, weil du einsam bist.“
„Hätte ich dich nicht kennengelernt, wäre ich jetzt nicht einsam.“ Die besetzte Schaukel wurde langsamer. Die Colaflasche war leer und der Schaukler wollte gerade von der Schaukel steigen, da bekam die Schaukel einen Schubs.
„So einfach ist das nicht, mein Lieber. Wir haben einen Deal“, kam es enttäuscht von der leeren Schaukel. „Du wolltest Macht und damit alles Böse vernichten.“
„Du hast mir aber nicht gesagt, dass ich damit auch alles Gute vernichte“, fauchte der junge Mann. Seine Augen flammten auf und er drehte seinen Kopf ruckartig nach links.
„Das hätte dir klar sein sollen. Licht und Schatten können nur gleichzeitig existieren. Yin und Yang folgen dem selben Prinzip. Warum sollte es Gutes ohne Böses geben können?“, sprach das unsichtbare Wesen auf der Schaukel völlig unbehelligt weiter.
„Warum gibt es dich und mich dann noch? Der Tod all dieser Menschen ist meine Schuld. Ich müsste unglaublich böse sein und du hast es einfach nur so hingenommen, dass das passieren würde.“
„Uuuh, darauf habe ich gewartet.“ Hätte man ein Grinsen sehen können, wäre es bestimmt ein sehr breites gewesen. „Erstens: Du hast sowohl Gutes als auch Böses ausgelöscht. Deine Seelenwaage ist damit neutral. Vielleicht schwingt sie mal etwas in die eine oder andere Richtung, wie diese Schaukeln, aber es gleicht sich immer von selbst aus. Zweitens: Ich bin nicht von dieser Existenzebene. Somit war ich nicht von der Machtwelle betroffen. Drittens: Du bist jetzt mein Avatar, mein Repräsentant. Selbst wenn du auch vernichtet worden wärest, hätte ich ein paar Gefallen eingefordert und du wärest damit wieder hier.“

Professor Dastur betrat den Raum. Sein Assistent Martin saß wie immer an seinem Platz, die Füße hochgelegt und in der Hand eine frische Tasse Kaffee. Martin machte sich das Leben leicht, aber was sollte auch groß passieren. Der letzte Vorfall war vier Jahre her und den hatte der junge Mann souverän gelöst. Der Assistent hatte keine großen Ambitionen. Der Job wurde verdammt gut bezahlt, für mal ein paar Tasten drücken. Professor Dastur konnte es egal sein. Der Junge machte guten Kaffee und ging ihm nicht auf die Nerven, wie so manch anderer vor ihm. Nur deshalb hatte Martin den Job. Der Ruf des Professors war ihm egal. Professor Dastur, der Mann, der seinen sterbenden Sohn in eine Computersimulation bannte, um zumindest seinen Geist am Leben zu halten. Viele waren zu Herrn Dastur gekommen und wollten die Technologie kaufen. Teilweise wollten sie sogar seinen Sohn kaufen. Das Superprogramm hatten sie ihn genannt.
„Irgendetwas Besonderes?“, fragte der Professor routinemäßig. Sein Assistent nahm langsam die Füße vom Tisch, richtete sich etwas auf und wippte mit seinem Stuhl vor und zurück. „Was sollte groß sein? Daniel ist isoliert. Das ist er seit vier Jahren. Was übrigens ziemlich gemein ist. Wenn Sie ihm schon die Erinnerung an sein menschliches Dasein rauben, dann könnte man ihn wenigstens mit anderen Programmen interagieren lassen.“ Der Einwand war berechtigt und zu gerne würde Dastur seinem Sohn Gesellschaft geben.
„Du hast es damals selbst abgewehrt, Martin. Du weißt, was passiert, wenn Daniel mit anderen Programmen in Berührung kommt. Die Gefahr, dass sich wieder ein Fremdprogramm einschleicht, ist zu groß. Mein Sohn hat nur seine Welt vernichtet. Wenn ihm die Option gegeben wird, würde er jedes Netzwerk auf dem Planeten vernichten.“ Der Professor nahm sich eine Tasse Kaffee und blickte auf den Bildschirm. Die Schaukeln bewegten sich gleichmäßig vor und zurück. Daniels Vater schaute verwirrt nochmal hin. „Warum bewegen sich beide Schaukeln?“, fragte er sich selbst, als Professor Dastur plötzlich das Flimmern auf der leeren Schaukel sah. Langsam materialisierte sich eine Gestalt. Sie streckte seinem Sohn die Hand entgegen.

Der Junge war von der Schaukel aufgestanden und bot ihm die rechte Hand. „Ich kann dich zu ihm bringen. Du musst mir nur folgen.“
„Das ist doch wieder nur ein Trick!“ Daniel schaute ihn grimmig an. Das Feuer in seinen Augen war noch nicht erloschen.
„Du kannst sie alle wiedersehen, sogar deinen Vater.“ Der zweite Schaukler legte den Kopf fragend nach rechts und ließ die Aussage auf Dasturs Sohn wirken.
„Meinen Vater?“ Ein hoffnungsvoller Blick und das Feuer in seinen Augen erlosch.

„Was reden die, Martin?“ Der Professor wusste nicht, ob er nervös, wütend oder aufgeregt sein sollte. Martins Hände flogen über die Tastatur. Er war altmodisch und versetzte sich nicht in ein AR-Szenario, um Code zu schreiben oder die Firewall manuell zu unterstützen.
„Es tut mir leid, Professor, aber ich weiß es nicht. Ich kann die Verschlüsselung nicht knacken.“ Schweiß bildete sich auf der Stirn des Assistenten. Er hatte eine Ahnung, wer der Eindringling war, aber das wollte er nicht zugeben. Plötzlich erschien ein riesiger, silberner Schlangendrache auf dem Bildschirm, welcher den Kopf herabsenkte, um die beiden Jungen aufsteigen zu lassen. Kurz darauf verschwand der Drache mit Daniel und dem Eindringling. Martins Hände hielten kurz inne, als wäre er zu Stein geworden. Dann brüllte er auf und fegte die Tastatur vom Tisch.
„Wer oder was war das?“ Ernst schaute Professor Dastur seinen Assistenten an, welcher am ganzen Leib zitterte. Niedergeschlagen kam die Antwort: „Erinnern Sie sich an den Angriff von vor vier Jahren. Ich habe damals das Programm des Angreifers nicht löschen können, aber erfolgreich isoliert, quasi eingesperrt. Zunächst kümmerte ich mich weiter um das Programm, versuchte es irgendwie zu entfernen. Alle Ansätze waren erfolglos. Dreizehn Monate arbeitete ich Tag und Nacht daran und der Hacker machte die ganze Zeit keine Anstalten, sein Programm wieder zu aktivieren. Danach wurden die Abstände immer größer, in welchen ich mich damit befasste und dann ließ ich es ganz sein. Ich dachte, dass mein Gefängnis stark genug war und die Isolation reichen würde.“
„Jetzt können wir auch nichts mehr ändern.“ Dastur blieb besonnen. Er spürte, dass es Martin leid tat. „Ich werde General Krum benachrichtigen. Der Vereinigte Westen muss sich auf einen Cyberanschlag vorbereiten.“ Mit diesen Worten ließ er Martin zurück. Die Tastatur hing an ihrem Kabel und schaukelte vor und zurück.

Gelesen 641 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 19 Juli 2018 00:04

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