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Sonntag, 20 Mai 2018 02:09

Blick in den Steingarten

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Wieder eine Kurzgeschichte aus meiner Feder. Diesmal ist es aber eher Richtung Cyberpunk anzusiedeln. Ich habe mit dem Genre nicht ganz so viel Erfahrung, deshalb würde ich mich besonders über Feedback freuen.

Sie schaute hinaus auf ihren Steingarten. Wind raschelte in den Kirschblüten und der künstlich angelegte Bach plätscherte sanft unter der Brücke mit dem roten Geländer dahin. Und das alles trotz tiefsten Winters. Geld konnte einem vieles ermöglichen, selbst einen ewigen Frühling auf Mount Fuji im Dezember. Nicht so einen billigen digitalen Frühling, den sich viele entweder über ihre VR – Brille in ihren winzigen 1 – Zimmer Appartements vorgaukelten, oder einen, den sie direkt mit der AR auf ihr Umfeld projizierten. Als sie einen Schluck aus ihrer Tasse nahm, meldete sich ihre elektronische Assistentin Kayori. „Wenn Sie die Tasse ausgetrunken haben, erreichen Sie ihren vorgesehenen Wert an Elektrolyten für den Vormittag. Zusätzlich möchte ich Sie an Ihre Vitamine erinnern. Sie können entweder einen Apfel und zwei Bananen essen oder Sie nehmen die Präparate. Ich empfehle Ihnen die Präparate, da Sie in einer dreiviertel Stunde einen Termin zum Mittagsessen mit dem Vorsitzenden von Mei – Industrial haben.“


„Die Präparate bitte“, seufzte sie. Lautlos glitt ein kleiner Teil der Holzveranda zur Seite und präsentierte der Frau einen kleinen porzellanenen Teller mit drei Pillen in verschiedenen Formen – eine Raute, einen Kreis und eine Kapsel. Der Teller wurde angehoben und die Pillen in den Mund gekippt. Ein Schluck Tee folgte kurz darauf.


„Soll ich einen Kimono bereitlegen?“, fragte Kayori. Ihre Stimme klang nicht im Entferntesten elektronisch. Kayori war mit der Stimme von ihrem alten Zimmermädchen aus Kindertagen programmiert worden. Die Stimme war warm, angenehm und das letzte, was sie an die Tage des Fehlschlags ihres Vaters erinnert. Dadurch wirkte sie beruhigend und ermahnend zugleich. Nie wieder würde sie zurückkehren an den Ort, als ihre Familie auf ihrem Tiefpunkt war. Sie hatte zu viel dafür getan, um wieder zurück und noch weiter zu kommen. Nichts hatte sie aufhalten können und niemand wusste von ihrer Vergangenheit. Jeder, der etwas hätte wissen können, hatte sie entweder töten lassen oder sogar selbst getötet, sogar ihre eigene Mutter. Ihre Mutter hatte sich mit dem schändlichen Leben eines niederen Menschen abgefunden und selbst Mensch war noch zu viel. Wie Kakerlaken vegetierten diese Lebewesen dahin, nichts außer unnützer Biomasse, die durch ihren Bedarf an Energie die Erde zerstörten. Was erlaubten sie sich? Wer nicht die Mittel hat, die Erde zu schätzen, der verdiente es auch nicht auf ihr zu wandeln.
„Den blauen mit den roten Blüten bitte“, antwortete sie Kayori. „Wie Sie wünschen.“ Sie streckte sich. Sie hatte keine Lust auf das Gespräch mit Mei – Industrial. Immer wurde um den heißen Brei geredet. Doch heute würde sie den Vertrag festzurren. Den Vertrag, welcher der Erde einen riesigen Gefallen tun würde.


Plötzlich schreckte sie hoch. Sie hatte etwas gehört. „Kayori, ist der Besuch schon da?“ „Nein Kaede – Sama, Ihr Besuch erreicht das Anwesen erst in 35 Minuten.“ „Kayori, ist jemand anderes im Haus?“ „Meine Sensoren nehmen weder biologische noch elektrische Fremdkörper auf dem Grundstück war.“ „Doch nur die Einbildung“, dachte sie laut, „ich werde wohl doch langsam alt.“
„Alt werden Sie aber eingebildet haben Sie sich das nicht, Kaede – Sama.“ Die Stimme war warm, sanft und erinnerte Kaede an jemanden. „Kayori, mit wem habe ich die Ehre?“ Sie schaute weiterhin ruhig in den Steingarten. Nach kurzem Schweigen meldete sich ihre elektronische Assistentin. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“ Es ertönte ein leises Klicken. „Oh“, meldete sich Kayori daraufhin zu Wort, „ich habe keine Übereinstimmung mit dem Register des Vereinigten Asiatischen Raums. Auch das Register des Erdenbunds gibt keinerlei genaue Angaben.“ „Keine genauen Angaben?“ „Es gibt fünf Teilübereinstimmungen. Allerdings sind alle in Frage kommenden Personen seit mindestens 50 Jahren tot.“


„Mit wem habe ich dann die Ehre?“, wandte sie sich nun an den Eindringling. Unter sich hörte die Frau das leise Klicken des Faches, das die Pistole bereithielt. „Das wissen Sie, Kaeda – Sama. Sie können sich nur nicht erinnern.“ Der Fremde hatte vorher schweigend zugehört. „Warum kann meine Assistentin Sie dann nicht in der Datenbank finden?“ „Wie Kayori schon sagte, offiziell sind wir seit mindestens 50 Jahren tot.“ „Wir? Sind Sie ein DNA – Mischer?“ „Ja.“ „Was kann ich für Sie tun? Ich habe wenig Zeit. Sie haben ja gehört, dass ich bald Besuch erwarte.“ „Sie haben den Orden verraten.“ Das war doch lächerlich. Welcher Orden? Sie hatte alle Verbindungen geprüft in ihrem langen Leben. Nie hatte sie mit irgendeinem Orden zu tun gehabt. Kaede wollte gerade antworten, da kam ihr der Fremde zuvor. „Ihr Vater war Mitglied des Ordens. Mit ihm sind auch alle seine direkten Verwandten Teil unserer Gemeinschaft. Da Sie sich über unsere Gesetze hinweggesetzt haben und Ihre Mutter und Geschwister haben töten lassen, wird Ihnen nun das Gleiche zukommen.“


„Das ist doch lächer…“, stockte Sie mitten im Satz. Sie spürte ein kurzes Stechen im Nacken. Plötzlich kochten Erinnerungen hoch. Qualvolle Erinnerungen aus der Zeit kurz nach dem Fall. Ihr Vater sagte wieder und wieder, dass es sehr bald bergauf gehen würde. Er müsse nur noch wenige Gespräche führen und alles wäre wieder gut. Immer, wenn ihr Vater erschien, hatte er einen silbernen Anstecker in Form eines Drachen an seinem Anzug. Und dann war ihr Vater verschwunden. Tagelang wartete Kaede – Sama vergeblich auf ihn. Aus dieser Einsamkeit und der Verzweiflung erblühte Hass und sie begann ihren eigenen Aufstieg. Die Erinnerungen verschwanden und vor ihr tauchte wieder der Steingarten mit dem Bach, der Brücke mit dem roten Geländer und den Kirschblüten auf.
„Mein Vater hat mir nie etwas erzählt,“ sagte sie erschöpft von dem Schwall von Eindrücken, der auf sie niedergeprasselt war. „Es bestand nie die Möglichkeit.“ „Warum ist er einfach verschwunden?“ „Es gab eine wichtige Aufgabe zu erledigen.“  „Wichtiger als seine Familie?“ Erschöpfung wich Wut. Wut auf ihren Vater, der mit seinem Verschwinden sie zu unaussprechlichen Dingen trieb. „Ich habe das alles für unsere Familie getan, Fujuki“, antwortete der Fremde. Seine Stimme war sanft, angenehm, durchtränkt von Trauer und erinnerte Fujuki an ihren Vater. „Das kann nicht…“ Etwas Warmes floss an ihren Beinen entlang. Die Frau schaute an sich herunter. An Ihrem Bauch sammelte sich eine große Blutlache und eine silberglänzende Klinge ragte nach vorne heraus. „Es tut mir leid, Fujuki“, sagte ihre Vater. Er zog das Tanto aus dem leblosen Leib seiner Tochter und wischte es mit einem weißen Tuch ab, bevor er es unter seinem Anzug verschwinden ließ. Traurig blickte er in den Steingarten. Wind raschelte in den Kirschblüten und der künstlich angelegte Bach plätscherte sanft unter der Brücke mit dem roten Geländer dahin.   

Gelesen 645 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 23 Mai 2018 21:26
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